Eigentlich müsste ein Foto-Essay über die Geschichte der Krivaja mindestens in der römischen Zeit beginnen: Illyriens und Dalmatiens Bodenschätze, Holz und Thermalquellen wurden schon damals genutzt. Aus römischer Zeit stammen auch alte Verkehrswege der Region. Allerdings sollte man sich nicht von Bezeichnungen wie „Römische Brücke“ (rimski most) täuschen lassen: Eine solche Brücke befindet sich zwar in der Nähe des Orlja-Canyons (ein Zufluss der Krivaja), stammt aber aus der osmanischen Periode (Hasanspahić 2015). Weil die abbildbaren Zeitzeugen aus römischer Zeit so rar sind, zieht sich dieser chronologische, kurze Foto-Essay über elf Fotografien vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Wie in jedem der Editorial-Beiträge werden die Zeitfenster und Themen dabei jeweils nur knapp angerissen. In künftigen Beiträgen werden sie mit weiteren Bildern und Materialien vertieft.

#1 Stećak
Dieser Stećak (Steinsarkophag bzw. Grabstein; pl. Stećci) befindet sich direkt vor der katholischen Kirche im Dorf Stojčići. Dieses gehört zu einer Gruppe dreier Dörfer, die sich wie auf einem flachen Trichter aus Almen oberhalb der Krivaja ausbreiten. Zusammen mit den muslimischen Dörfern Mujezinovići und Šarići bildet das katholische bzw. kroatische Stojčići die Ortschaft Jelaške. Alle alten Stećci stammen aus dem vorosmanischen Mittelalter. Sie lassen sich hier wie fast überall in Bosnien finden – oft an abgelegenen oder exponierten Stellen in der Natur, teils mitten in Ortschaften, teils auf weiterhin genutzten Friedhöfen. Während sie früher der inzwischen überholten Bogumilen-These dieser Glaubengemeinschaft zugeschrieben wurden, gelten sie heute längst als interkonfessionelles Phänomen: Mitglieder der Bosnische Kirche, der katholischen und der orthodoxen Glaubensgemeinschaften errichteten sie als Grabsteine, auch über die heutigen, bosnischen Grenzen hinaus. Seit 2016 gehören 28 Stätten in vier Ländern (BiH, Kroatien, Montenegro, Serbien) zum UNESCO Kulturerbe, von denen die meisten (20) in BiH liegen. In den letzten Jahren sind sie zu einem sehr beliebten Feld der lokalen Historiographien geworden, wie sich an der wachsenden Zahl von Publikationen ablesen lässt.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#2 Župa Jelaške
Die Župa (Kirchengemeinde) Jelaške ist für die katholischen bzw. kroatischen Bewohner der gesamten Gegend besonders wichtig, denn sie wird mit dem frühen Schriftsteller und Theologen Fra Matija Divković (1563-1631) verbunden. Der Franziskaner kam aus Jelaške, was im Ort Stojčići auch nicht zu übersehen ist: Es gibt Hinweisschilder, einen Brunnen und auch das Gemeindehaus der katholischen Gemeinde ist nach ihm benannt, die heute jesuitisch geprägt ist. Fra Matija Divković hat in der osmanischen Periode gewirkt, vor allem in Olovo, das mit seinem uralten Marienheiligtum auch heute noch ein wichtiger Pilgerort für die Katholiken Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens ist (darüber genauer in einem eigenen Beitrag).
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#3 Kloster Udrim
Das orthodoxe Kloster Udrim, im Tal der Gostović im Tajan-Gebirge gelegen, wird während meines Besuchs im Juli 2026 gerade restauriert. Es ähnelt dem nahegelegenen Kloster Vozućica (bei Vozuća) wie ein Abziehbild. Über seine Ursprünge gibt es unterschiedliche Erklärungen, was – wie so oft in der Region – Teil eines Streits über die Anciennität ist: Wer war zuerst da? Welche Rechte und Besitzansprüche lassen sich daraus ableiten? Wer darf das Land sein eigen nennen? Ob das Kloster im vorosmanischen Mittelalter unter der serbischen Nemanjiden-Dynastie, oder zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert – und damit in der osmanischen Periode – errichtet worden ist, das lässt sich über eindeutige Quellen heute nicht belegen. Unabhängig davon ist es ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Erbes der Krivaja-Gegend, in der seit langer Zeit mehrere Religionsgemeinschaften nebeneinander und miteinander leben.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#4 Das Osmanische Reich
Aus der osmanischen Zeit datieren Bauwerke wie die alten Moscheen in Olovo und Solun (nicht im Bild). Die wichtigste Veränderung dieser Periode war die Ankunft des Islam, den viele Bosnier annahmen und der heute in diesem Gebiet die vorherrschende Religion ist. Bosnien-Herzegowina und andere Länder Südosteuropas gehören seitdem zu den Gebieten Europas, in denen es sich beim Islam um eine etablierte, autochthone Religionsgemeinschaft handelt. Die neue Moschee auf dem Bild steht in Zavidovići direkt neben dem Fußballstadion. Durch ihre erhöhte Lage ist sie von weithin sichtbar. Die Geschichte der Moscheen in Bosnien-Herzegowina (und im restlichen Jugoslawien) verdient eigene Betrachtung: Interessanterweise wurden in der sozialistischen Periode hunderte neue Moscheen in Jugoslawien errichtet, von denen sehr viele im Bosnienkrieg (1992-1995) gezielt zerstört wurden. Teils wurden sie bis zur Unkenntlichkeit mitsamt ihrer Grundmauern dem Erdboden gleichgemacht, darunter die berühmte Ferhadija-Moschee (Banja Luka), die Arnaudija-Moschee (Banja Luka) oder die Aladža-Moschee (Foča). Die meisten historischen Moscheen wurden in der Zwischenzeit wiederaufgebaut, auch wenn das nicht heißt, dass an diesen Orten heute wieder viele Muslime leben. In der Zwischenzeit sind in Bosnien sehr viele neue Moscheen entstanden, so dass ihre Zahl die vor den Zerstörungen der 1990-er Jahre weit übertrifft.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#5 Muslimischer Friedhof
Jelaške ist auch aus friedhofssoziologischer Hinsicht besonders interessant, denn es gibt hier gleich drei Friedhöfe: zwei muslimische und einen katholischen. Dieser kleinere, muslimische Friedhof steht im Dorf Mujezinovići, während sich der größere von beiden in Šarići befindet. Dort steht auch eine Moschee mit Minarett (Džamija). In Mujezinovići gibt es eine kleinere Moschee ohne Minarett (Mesdžid). Auf dem Bild sind Nišani zu sehen, wie die muslimischen Grabsteine bezeichnet werden (über Friedhöfe mehr in einem eigenen Beitrag).
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#6 Österreich-Ungarn
Aus wirtschaftlicher und infrastruktureller Hinsicht besonders relevant ist die österreichisch-ungarische Periode. In dieser Zeit ist es zu einer Zunahme der Ausbeutung der Holzressourcen und zum Bau der Bahnstrecke Zavidovići – Olovo – Han Pijesak – Kusače gekommen. Die Bahn existierte bis 1970 und wird bis heute von den Talbewohnern mit dem Kosenamen Ćiro erinnert, der allgemein verbreiteten Bezeichnung für Schmalspurbahnen und Waldbahnen in Bosnien-Herzegowina. Über die beiden Weltkriege und das Königreich Jugoslawien bis hinein in die Periode der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien transportierte Ćiro Holz, andere Güter und Menschen. Nach einem regelrechten Streit mit Sarajevo, wo der im Bild gezeigte Ćiro fast gelandet wäre, konnten die Bewohner Zavidovićis durchsetzen, dass er vor Ort bleibt. Er befindet sich allerdings hinter verschlossenen Toren im Garten der Krivaja Villa, des einstigen Verwaltungs- und Wohnsitzes aus österreichisch-ungarischer Zeit. Auch die Villa, ein Wahrzeichen der Stadt, ist bei meinem Besuch im Juli 2026 augenscheinlich in besorgniserregendem Zustand, obwohl sie seit 2018 den offiziellen Status eines nationalen Denkmals führt.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#7 SFRJ
Die Periode der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens (SFRJ, 1943-1992) wird oft als eine Zeit des Friedens erinnert und mit positiven Erfahrungen assoziiert. Josip Broz Tito (JBT), Staatschef und Held aus dem Partisanenkrieg gegen die faschistischen Besatzer aus Deutschland, Kroatien, Italien und ihre Verbündeten, steht wie keine anderer mit seinem Namen für diese Zeit. Nach ihm ist ein Treffpunkt der Bergwacht in Kamenica im Tajan benannt, wohin mich meine neuen Bekannten aus Zavidovići gebracht haben. Ich habe öfter von westlichen Besuchern BiHs und anderer Länder der Jugosphäre gehört, dass der „Tito-Kult“ bei ihnen Unbehagen auslöse, denn schließlich habe es sich doch um einen Diktator gehandelt. Diese Auffassung verkennt, was Tito-Reminiszenzen heute in Bosnien aussagen: Sie sind ein Statement für eine andere, als positiv verstandene, politische Ordnung. Wer sich auf Tito bezieht, ist gegen das Prinzip des Ethnozentrismus und des Chauvinismus und lehnt die Kriege der 1990er auch im Nachhinein als illegitime Wege ab. Alle Tito-Anhänger, die ich in Bosnien getroffen habe, bekennen sich zum Wert des Zusammenlebens in Differenz. Es finden sich auch andernorts immer wieder Erinnerungsposten an die verflossene Zeit der Brüderlichkeit und Einheit (bratstvo i jedinstvo). Nicht nur in dre Hauptstadt Sarajevo, auch in Zavidovići ist eine zentrale Straße nach Tito benannt (die Ulica Maršala Tita).
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#8 Denkmal
Spomenik, das Wort für »Denkmal«, ist auf Bosnisch (KMS) identisch mit dem Wort für »Grabstein«. Früher fanden sich an vielen Orten Denkmäler für gefallene Helden des Zweiten Weltkriegs, heute sind sie oft starker Verwitterung ausgesetzt und teilweise verfallen. Der rote Stern, der hier das ganze Denkmal formt, war früher auch auf häufiger auf Grabsteinen überzeugter Kommunisten zu sehen, scheint sich aber heute teilweise auch nachträglich von den Friedhöfen verabschiedet zu haben. Es gibt in Bosnien auch viele Orte, wo Denkmäler der sozialistischen Periode aus geschichtsrevisionistischen Gründen gezielt zerstört werden. Für die Krivaja ist mir momentan ein solcher Fall dauerhafter Zerstörung nicht bekannt, obwohl einzelne Gedenkplatten verschwunden sein sollen. Es findet sich ein großes Partisanendenkmal in Zavidovići, das relativ neu ist (1981 errichtet) und sich neben dem Hotel Kristal befindet; auch in Vijaka, einem katholischen Dorf in der Općina Vareš, oder wie hier auf dem Bild, in Vozuća, sind sie noch zu sehen.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#9 Hotel Kristal
Das Hotel Kristal wurde 1976 fertiggestellt. Es galt als die beste Adresse in Zavidovići. Im Netz finden sich zahlreiche Erinnerungstexte, Zeitungsartikel, Reportagen und Videos, in denen sich Einwohner an die Bedeutung des Hotels erinnern. „Ohne Krawatte kam man da nicht rein“, wird etwa von einem Künstler an den damaligen Glamour erinnert. Als ich beim Fotografieren angesprochen und gefragt werde, ob ich für eine Fernsehsendung arbeite (Neka televizija?), nennt man mir bezeichnenderweise nicht zuerst den Krieg als Grund für den katastrophalen Zustand des Gebäudes. Das Wort Privatizacija (Privatisierung) fasst in den Augen meiner Gesprächspartnerin alles zusammen, um im nächsten Moment auch gleich auf den Zustand des privatisierten Gesundheitswesens zu sprechen zu kommen. Der Niedergang des zwischenzeitlich auch teilweise abgebrannten Hotels ist zweifellos aufs Engste mit dem Ende der Fabrik Krivaja verbunden.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#10 Kriegskrankenhaus
Im Bosnienkrieg (1992-1995) fanden viele Menschen einen gewaltsamen Tod, wurden vertrieben oder haben das Land dauerhaft verlassen. Auch Zavidovići war in einer teilweise verzweifelten Lage, die Stadt hatte an mehreren Frontverläufen zu kämpfen. Als ich Gesprächspartner aus Zavidovići, die dort den Krieg verbracht haben, nach der Schwere des Kriegsverlaufs gefragt habe, wurde mir gesagt: „Ovdje ti je bilo: Brat na brat!“ – „Hier haben Geschwister gegeneinander gekämpft!“. Es sei zu krassen Zerwürfnissen innerhalb von Familien gekommen: Ein Teil der Familie kämpfte außerhalb der Stadtgrenzen, ein anderer verteidigte oder verschanzte sich innerhalb. Viele von diesen Szenen spielten sich auch im Hotel Kristal ab, das bald zum Kriegskrankenhaus umfunktionalisiert wurde. Eine Frau, die ich beim Fotografieren dort mit einer Gruppe anderer Frauen kennengelernt habe, erzählte mir, sie habe ihr Kind dort zur Welt gebracht.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0

#11 Fabrik Krivaja
In der Gegenwart darbt die Wirtschaft mit wenigen Ausnahmen in Prekarität. Wohlstand wird von vielen Bewohnern der Krivaja nach wie vor im Ausland gesucht. Der Staat des institutionell stark zergliederten und zersplitterten Landes wird von vielen als dysfunktional wahrgenommen. Die institutionalisierte Prekarität ermöglicht es auch vielen Global Players, sich an die Ausbeutung der Ressourcen und die Aneignung der bestehenden Industrie zu machen. Oft geschieht dies zum Schaden des mehr-als-menschlichen Gefüges rund um den Fluss, wie Beispiele eines britischen Unternehmens in Olovo (2023, 2024) oder unterschiedlicher, australischer, kanadischer und anderer Unternehmen bei Vareš zeigen. Dieses Zusammenspiel von insitutionalisierter Prekarität und Vulnerabilität nach dem Krieg ist auch der Grund, warum in diesem Forschungsprojekt von einer beschädigten Geographie die Rede ist. Das Gelände der seit 2015 geschlossenen Fabrik Krivaja, um die es noch in einem eigenen Beitrag gehen wird, ist einer der wichtigsten Zeitzeugen für dieses Geleit.
Thomas Schad. Eigene Aufnahme, 2026. License: CC BY 4.0
Referenzen (Auswahl)
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- Preindlsberger-Mrazović, Milena: Bosnisches Skizzenbuch, Dresden und Leipzig 1900.
- Ramić, Aida: Olovske novine kao izvor za istraživanje lokalne historije. In: Rijeka Krivaja kroz prošlost: Zbornik radova, hg. von Aida Ramić und Institut za istoriju Sarajevo, Sarajevo 2016, S. 201–217.
- Ramić, Aida/Institut za istoriju Sarajevo (Hgg.): Rijeka Krivaja kroz prošlost: Zbornik radova, Sarajevo 2016.