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Die Geografie der Ungerechtigkeit an der Krivaja: Ressourcen, Macht und das Schicksal kleiner Gemeinden

Unsere Autorin Merima K. Mehinović ist Soziologin aus Zavidovići und hat über die ungeheuerlichen Geschehnisse an der Krivaja geschrieben. Der letzte naturbelassene, intakte Fluss zwischen Save und Zavidovići droht, dem extraktiven Bergbau zum Opfer zu fallen. Mehinović hat mit Aktivisten vor Ort gesprochen und erklärt die Geschehnisse in einem größeren, globalen Zusammenhang.

Das aktuelle Entwicklungsmuster der postsozialistischen Gesellschaften Südosteuropas lässt sich nicht als linearer Übergang von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft verstehen, sondern vielmehr als tiefgreifender Strukturwandel, in dessen Verlauf die industrielle Produktion als Träger sozialer Integration, technologischer Entwicklung und relativer sozialer Sicherheit durch einen peripheren, auf Rohstoffgewinnung ausgerichteten Kapitalismus ersetzt wird. Es handelt sich um ein Modell, das keine dauerhaften Produktionskapazitäten oder autonomen Entwicklungspotenziale schafft, sondern auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, flexiblen und billigen Arbeitskräften sowie institutionellen Schwächen beruht, die nur minimale regulatorische Hürden zulassen.

Dieser Artikel wurde von unserer Autorin erstmals am 25. Februar 2026 auf bosnischer Sprache im Sarajevoer „Urban Magazine“ (Link) veröffentlicht. Wir haben ihn übersetzt und veröffentlichen ihn hier auf deutscher und englischer Sprache, weil er von anhaltender Relevanz ist.

In diesem Sinne hat der postsozialistische Wandel in vielen Bereichen nicht zu einer Modernisierung geführt, sondern vielmehr zu einer Art deindustrialisierter Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft in der Rolle eines Rohstofflieferanten und eines Raums für riskante Investitionen. Einfach ausgedrückt: Korrupte Beamte werden zu Händlern von Gütern, die ihnen nicht gehören. Blei vergiftet die Bewohner von Vareš, während die Goldbarren von Kapitalisten abtransportiert werden und den Korrupten nur Kleingeld übrig bleibt.

Saskia Sassen fasst diesen Prozess anhand der Logik der Ausgrenzung auf. Sie betont, dass der zeitgenössische Kapitalismus die Bevölkerung nicht in die Produktionsabläufe integriert. Raum, öffentliche Güter und die Bewohner selbst stellen Hindernisse für die Bedürfnisse des globalen Kapitals dar. Städte, Regionen und ganze Staaten werden so zu Zonen der operativen Neuordnung. Das bedeutet, dass Infrastruktur, natürliche Ressourcen und rechtliche Rahmenbedingungen an die Bedürfnisse des Kapitals angepasst werden, während das soziale Interesse in den Hintergrund tritt. In postsozialistischen Randgebieten äußert sich dies in der Umwandlung von Industriegebieten in Bergbau- oder Logistikzonen sowie in einer demografischen Entvölkerung, die paradoxerweise den Wandel erleichtert, da weniger Einwohner weniger politischen Widerstand bedeuten.

„Die Krivaja bedeutet Leben / Ihr werdet nicht graben!“ – Diese Zeichen des Protests und Widerstands finden sich im Sommer 2026 an der Krivaja, wie hier im Ort Maoča. Bildquelle: Thomas Schad, Juli 2026, License: CC BY 4.0

Ergänzend dazu erläutert David Harvey den Prozess der Akkumulation durch Enteignung, bei dem Reichtum nicht in erster Linie durch Produktion entsteht, sondern durch die Übertragung bereits bestehender öffentlicher oder gemeinschaftlicher Güter in private Hände. Die Privatisierung von Land, Konzessionen für natürliche Ressourcen, die Deregulierung des Umweltschutzes und die Monetarisierung öffentlicher Infrastruktur stellen verschiedene Ausprägungen desselben Mechanismus dar: Risiken und Kosten bleiben kollektiv, während sich der Gewinn in den Händen einer begrenzten Anzahl von Akteuren konzentriert.

Im Zusammenhang mit Bergbauprojekten im Einzugsgebiet des Flusses Krivaja lässt sich dieses Muster empirisch anhand einer Kombination aus intensiver Entwaldung, Eingriffen in hydrologisch sensible Gebiete, potenzieller Verschmutzung von Oberflächen- und Grundwasser sowie eines Modells beobachten, bei dem die lokale Bevölkerung die gesundheitlichen und ökologischen Folgen trägt, ohne einen entsprechenden wirtschaftlichen Nutzen zu haben.

Wir haben mit Aktivisten gesprochen, und ein Gespräch ist uns dabei besonders in Erinnerung geblieben: das mit einem Mann, der in seiner Heimatstadt Jahrzehnte seines Lebens den Flüssen und deren Schutz gewidmet hat, der aber mittlerweile nicht mehr in Bosnien und Herzegowina lebt. Er wurde von einem System zermürbt, das den Kapitalisten dient, und ohne ein festes Netzwerk – das es in Zavidovići nach wie vor nicht gibt – ist der Kampf zu hart.

Aus diesen Gründen geben wir den Kommentar von Klis Ibrahim hier vollständig wieder:

“Während wir jeden Tag entsetzliche Nachrichten über Menschen sehen, die durch Blei vergiftet werden, hallt das Schweigen der politischen Intriganten und Großunternehmer als Antwort wider. Genauso war es, als im Einzugsgebiet des Gostović-Flusses Staudämme zum Vorteil von Partei- und Großunternehmer-Profiteuren gebaut wurden. Nein, sie sind keine Investoren, denn eine Investition ist etwas, von dem sowohl die Einheimischen als auch die Investoren profitieren und Zufriedenheit daraus ziehen. DARUM GEHT ES BEI UNS NICHT.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie sehr es mich erschütterte, als die Informationen über den Bau der Staudämme an der Krivaja durchsickerten. Vor allem, weil ich die Krivaja von der Quelle bis zur Mündung kenne; ich bin mit dem Rauschen ihrer Wellen aufgewachsen. In ihren Stromschnellen habe ich schwimmen und angeln gelernt …

Und so begann ich, mir Fragen zu stellen, all ihrer potenziellen Folgen und Bedeutung für die lokale Bevölkerung im Klaren seiend. Wer will bauen, wer hat seine Zustimmung gegeben? Und dabei stieß ich auf einige wirklich hässliche Informationen über einige der führenden Persönlichkeiten in den lokalen Gemeinden. Außerdem fand ich heraus, wie viel Geld einzelne Personen angenommen haben, um im Namen der lokalen Bevölkerung ohne öffentliche Debatte ihre Zustimmung zu erteilen.

Ja, all das geht mir durch den Kopf, während ich die Nachrichten über Blei im Blut der Menschen verfolge, und besonders ärgert mich die Tatsache, dass Steinbrüche und Bergwerke im Tal des Flusses Tribija geplant sind, der an der Grenze von drei Gemeinden liegt: Olovo, Vareš und Zavidovići. Es handelt sich um einen Nebenfluss des Flusses Krivaja, und dort sind Magnesiumbergwerke*1In der Tat handelt es sich um Chromabbau, Anm. d. Redaktion. geplant.

Jeder, der nicht blind und taub gegenüber – nennen wir sie so: den Investoren – ist, kann alle Informationen über die schädlichen Auswirkungen eines solchen Bergwerks finden, sowohl auf die Artenvielfalt als auch auf das Leben der Menschen in der weiteren Umgebung. Und alles läuft nach dem gleichen alten Muster ab. Lokale Bonzen erteilen ihre Zustimmung ohne öffentliche Debatte, ohne ordnungsgemäße Genehmigungen, ohne unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfungen. Einfach nur, weil jemand das Bankkonto eines anderen gefüllt hat.

Minister und Verantwortliche verkaufen uns das als wirtschaftlichen Aufschwung, aber wir wissen, dass es nichts anderes ist als Verschwendung und Ausverkauf sowohl unseres Lebens als auch unseres Eigentums. Es ist beschämend, wie viel uns über die touristische Entwicklung im Kanton und in der Gemeinde erzählt wird, während gleichzeitig die Lebensgrundlage eben dieses Tourismus zerstört wird. Es ist beschämend, wie viel von einem gemeinsamen Kampf für Zavidovići die Rede ist, während die Verantwortlichen kein Wort über die Zerstörung des Flusses Krivaja verlieren. Wir haben einen Plan für ein weiteres Industriegebiet verabschiedet, doch niemand hat uns Lösungen für das Abwasser aus diesem Industriegebiet in Vozuća angeboten.

Und ich frage mich: Wird die Krivaja, die eigentlich eine städtische Attraktion sein sollte, zu einer einzigen großen Industrieabwasserkanalisation werden?”

Die Analyse lokaler Zeugenaussagen und Dokumente aus der Zivilgesellschaft deutet zudem auf das Vorhandensein verfahrenstechnischer Unregelmäßigkeiten hin (unzureichend transparente Genehmigungsverfahren, begrenzte Bürgerbeteiligung und zersplitterte Zuständigkeiten), was einem allgemeineren Muster institutioneller Schwäche entspricht, das für periphäre Volkswirtschaften charakteristisch ist. Eine solche Schwäche ist nicht lediglich das Ergebnis von Inkompetenz, sondern oft ein funktionaler Bestandteil des Systems: Flexible Institutionen ermöglichen eine schnellere Umsetzung von Projekten, die unter strengen Regulierungsrahmen deutlich langsamer oder gar nicht realisierbar wären. Flexible Institutionen erfordern daher kooperationsbereite Beamte. Bislang wurde uns kein Zugang zu den Abschlüssen der in diesen Fall verwickelten Minister gewährt, sodass Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen darüber ziehen können, warum dies so ist.

Bildquelle: Thomas Schad, Juli 2026, License: CC BY 4.0

Ein weiterer Gesprächspartner, Emir Brčić aus Zavidovići und langjähriger Krivaja-Aktivist, der im Gesundheitssektor arbeitet, erklärt, dass der Schwermetallbergbau sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit und das ökologische Gleichgewicht der lokalen Bevölkerung äußerst schädlich ist:

“Deshalb tritt er2Der Schwermetallbergbau, Anm. d. Übers. vorwiegend in armen und unterentwickelten Ländern auf. In dieser Hinsicht verursacht der Bergbau im Gebiet von Vareš zwei große Probleme: Das erste ist die Vergiftung der Bevölkerung, das zweite die Verschmutzung und damit die Zerstörung des Flusses Krivaja. Die Öffentlichkeit ist sich des Ausmaßes des Vergiftungsproblems nicht bewusst, dessen Lösung nach geltenden Standards die Umsiedlung aller Anwohner aus dem Kontaminationsgebiet und ihre langfristige Behandlung mit teuren Gegenmitteln bedeuten würde – was in dieser Situation die humane Umsiedlung der gesamten lokalen Bevölkerung und enorme Kosten für den Staat mit sich bringen würde. Allein die Medikamente würden den Staat weit mehr kosten als alle Einnahmen, die er aus den Konzessionsgebühren für diesen Bergbau erzielt.

Zweitens ist die Krivaja der letzte verbliebene saubere Fluss im gesamten Nordosten Bosniens, und ihre Bedeutung für diese Region ist unermesslich. Vom Krivaja-Tal bis hin zur Save im Norden gibt es keine sauberen Flüsse mehr. Die Oskova, die Spreča, die Jala, die Tinja, die Brka und die Janja sind allesamt praktisch tote Flüsse. Die Verschmutzung der Krivaja würde für unsere Generation zu einer historischen Schande werden.”

So warnt Brčić, der sich zudem aktiv für die Sensibilisierung für die Flüsse und ihren Schutz in Bosnien und Herzegowina einsetzt.

Radikale wirtschaftliche Veränderungen lassen sich am leichtesten in Gesellschaften umsetzen, die unter Krisen, den Folgen von Kriegen, wirtschaftlicher Unsicherheit oder politischer Instabilität leiden, da solche Umstände die Fähigkeit zu organisiertem Widerstand schwächen und die Toleranz gegenüber riskanten Entscheidungen erhöhen, die als überlebensnotwendig dargestellt werden. Die kumulativen Auswirkungen des Transformationsprozesses, die Traumata der Privatisierung und die anhaltende Arbeitslosigkeit haben genau jene Situation geschaffen, in der angekündigte Entwicklungsprojekte – ungeachtet ihrer langfristigen Folgen – als seltene Chance wahrgenommen werden, die man sich nicht entgehen lassen darf. Es sollte daher nicht überraschen, dass die Menschen in Vareš anfangs begeistert waren, und wir sollten uns auch nicht von der Schuldzuweisung täuschen lassen, indem wir unsere Frustration auf diejenigen richten, die gar nicht verstanden haben, was für sie vorbereitet wurde. Sie haben keineswegs zugestimmt, vergiftet zu werden.

Esad Zgodić, der 2024 verstorbene Professor für Politikwissenschaft aus Sarajevo, hat uns oft vor oligarchischen Strukturen gewarnt, deren Legitimität sich eher aus der Kontrolle über Ressourcen als aus einem gesellschaftlichen Konsens ableitet. Wir spüren nun am eigenen Leib, wie partizipative politische Strukturen in eine Herrschaftsordnung umgewandelt werden, die von einem engen Netzwerk von Akteuren geprägt ist, die die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und administrativen Ressourcen kontrollieren.

Es sollte jedoch klar sein, dass lokale Oligarchien nicht ausschließlich ein Produkt innenpolitischer Schwächen sind, sondern auch das Ergebnis globaler Wirtschaftsbeziehungen. Kapital benötigt stabile Rahmenbedingungen für Verhandlungen vor Ort, während lokale Eliten Kapital als Quelle der Legitimität und als Ressource benötigen. Dazwischen steht die Gemeinschaft, die den größten Teil der Risiken trägt, aber den geringsten Einfluss auf Entscheidungen hat.

In diesem Sinne ist die lokale Oligarchie in einem demokratischen Kontext nicht nur ein politisches Phänomen, sondern eine umfassendere soziale Struktur von Beziehungen zwischen Territorium, Wirtschaft und Macht, die das Schicksal von Menschen und Orten prägt. Formale Institutionen und ihre Funktionen laufen oft auf kaum mehr als eine administrative Vermittlung zwischen privaten Interessen und der Öffentlichkeit hinaus. In einer solchen Ordnung wird politische Rechenschaftspflicht diffus, und strategische Entscheidungen werden außerhalb der öffentlichen Kontrolle getroffen oder ohne echte Beratung verfahrensrechtlich legitimiert.

Das Ergebnis des Zusammenwirkens dieser Prozesse ist das, was die politische Ökonomie als Korporatismus bezeichnet: ein System, in dem die Grenzen zwischen politischer Autorität und wirtschaftlichen Machtzentren durchlässig werden und die öffentliche Politik eher von der Logik der Kapitalakkumulation als von langfristigen sozialen Bedürfnissen geprägt wird. In schwachen Staaten nimmt dieses Modell eine spezifische Form an, in der Unternehmen über ein Netzwerk aus transnationalen Investoren, lokalen politischen Eliten und zwischengeschalteten Strukturen Ressourcen mit minimaler oder gar keiner öffentlichen Kontrolle verwalten.

Es ist besonders bezeichnend, dass ein solches Entwicklungsmuster oft mit einer Rhetorik der Modernisierung und der europäischen Integration einhergeht. Investitionen werden als zivilisatorischer Fortschritt, als Schaffung von Arbeitsplätzen und als Integration in globale Ströme dargestellt, obwohl empirische Daten nur begrenzte Multiplikatoreffekte auf die lokale Wirtschaft belegen. Bergbauprojekte beispielsweise beschäftigen eine relativ geringe Anzahl von Arbeitnehmern, während sie gleichzeitig traditionelle Sektoren wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Tourismus destabilisieren, wodurch die Gesamtbilanz der Entwicklung ambivalent oder negativ ausfällt.

Der Bergbau im Einzugsgebiet der Krivaja ist nicht losgelöst von globalen Strömungen zu sehen: Er ist eine Quelle billiger Rohstoffe für die Bedürfnisse der weltweiten Eliten und zugleich Ausdruck des umfassenderen Wandels periphärer Gesellschaften im globalen Kapitalismus. Das Fehlen einer eigenständigen Entwicklungsstrategie, die lokale Ressourcen als öffentliches Gut und nicht ausschließlich nach der Logik des Marktes nutzen würde, kommt uns daher teuer zu stehen.

Im weiteren soziologischen Sinne führt ein solcher Wandel zu tiefgreifenden Veränderungen in der sozialen Struktur: zunehmende Ungleichheit, unkontrollierte Abwanderung der jungen Bevölkerung, Zerfall der Mittelschicht, Unsicherheit und irreversibel beeinträchtigte Gesundheit. Umweltrisiken verstärken diesen Prozess noch weiter, indem sie die grundlegenden Lebensbedingungen – Wasser, Luft und Boden – bedrohen und damit die Entwicklung von einer Frage des wirtschaftlichen Fortschritts zu einer Frage des Überlebens machen.

Referenzen

  • Harvey, David: The new imperialism, , 1. issued as paperback, Oxford 2005.
  • Ikenberry, G. John/Sassen, Saskia: Territory, Authority, Rights: From Medieval to Global Assemblages. In: Foreign Affairs 85 (2006), H. 5, S. 159.
  • Mehinović, Merima K.: Geografija nepravde u slivu Krivaje – resursi, moć i sudbina malih zajednica. In: Urban Magazin (2026).
  • Sassen, Saskia: Territory, Authority, Rights: From Medieval to Global Assemblages, , Online-Ausg, Princeton, N.J. 2008.
  • Coverbild: Krivaja von der Popovica aus, Thomas Schad, Juli 2026, License: CC BY 4.0

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