Geographie und Demographie
Was bedeutet der Name »Krivaja«?
Im Namen »Krivaja« stecken die Bedeutungen »krumm« und »schief«. Das passt gut zum Charakter des Flusses, der mit Ausnahme ganz weniger Stellen nicht begradigt und nicht aufgestaut wurde. Schnell fließt die Krivaja durch ihr felsiges Fett, häufig getaktet durch Stromschnellen.
Wo liegt die Krivaja?
Die Krivaja ist 74 Kilometer lang und entsteht aus dem Zusammenfluss von Bioštica und Stupčanica in der Stadt Olovo, zirka 52 Kilometer von der Hauptstadt Sarajevo entfernt. In Zavidovići fließt sie als deren größter Zufluss in die Bosna, die über Save und Donau ins Schwarze Meer entwässert. Die Gebirgszüge Konjuh und Ozren (nach Norden), Zvijezda und Tajan (nach Süden) schneiden das Flussbett im Oberlauf steil ein. Im Unterlauf wird das Tal zunehmend weiter und die Berge sanfter. Auf ihrem gesamten Lauf ist die Krivaja von dichten, bewirtschafteten Wäldern umgeben.
Das Nachkriegsbosnien der Dayton-Ordnung ist in zwei Hälften oder Entitäten gegliedert. Die Föderation Bosnien und Herzegowina (FBiH) nimmt 51 Prozent des Territoriums ein, die Republika Srpska (RS) 49 Prozent. Während die RS zentralistisch verwaltet wird, ist die FBiH weiter in zehn Kantone untergliedert. Die Krivaja liegt auf voller Länge auf dem Gebiet der FBiH und des Zenica-Doboj-Kantons (kurz: ZE-DO Kanton).
Weiter untergliedern sich die Gebietskörperschaften auf die Ebene Kommune (Općina) und Ortsgemeinde (Mjesna Zajednica). Der Oberlauf des Flusses liegt in der Općina Olovo, der Unterlauf in der Općina Zavidovići. Viele wichtige Zuflüsse (Potoci, Sg. Potok) wie Duboštica, Vijačica, Tribija sowie Ortschaften, deren Gemeinden eng mit den Krivaja-Gemeinden verbunden sind, liegen in der Općina Vareš. Die gleichnamige Stadt trägt als Bergbauort sowie aus historisch-kulturellen Gründen besonders große Bedeutung für die Krivaja. Die Bewohner der Krivaja sind seit historischen Zeiten außerdem stark nach Tuzla orientiert, was auch auf uralte Handelsrouten zurückgeht. Neben Zavidovići, Maglaj, Olovo, Vareš und Tuzla ist auch Banovići eine sehr wichtige Stadt für den Mittellauf des Krivaja-Gebiets. Sarajevo wird oft als „weit entfernt“ wahrgenommen.
Was macht die Geographie der Krivaja so besonders?
Die Krivaja ist aus mehreren Gründen besonders interessant für die mehr-als-menschliche Geographie. Sie ist ein naturbelassener, frei fließender Fluss, dessen Lauf und Umfeld ein Refugium zahlreicher Arten ist. Charakteristisch sind der Waldreichtum, aber auch die geologischen Besonderheiten des Ophiolitaufschlusses mit seinen Ressourcen. Eine wachsende Zahl von Aktivist:innen und Vereinen fordern deshalb, das Gebiet als Refugium auch offiziell unter Schutz zu stellen.
Wer wohnt im Krivaja-Gebiet?
Auch in sozialer Hinsicht sind Tal und Gebirgslagen der Krivaja bemerkenswert, denn durch die Bevölkerungszusammensetzung kann das Gebiet auch als »Bosnien im Kleinen« gelten. Die Siedlungen bestehen vor allem muslimischen (bosniakischen) und, in geringerer Zahl, katholischen (kroatischen) Dörfern. Außerdem leben im Krivaja-Gebiet Angehörige der serbisch-orthodoxen und Roma-Bevölkerungsgruppe, wobei viele bosnisch-serbische Bewohner ihre Ortschaften verlassen haben oder fliehen mussten. Durch den Krieg sind auch Flüchtlinge aus anderen Landesteilen im Krivaja-Gebiet angekommen, unter anderem eine Gruppe geflohener Frauen und Kinder aus Srebrenica, die den Genozid überlebt und sich in Vozuća angesiedelt haben.
Was ist eine »erprobte Differenzgemeinschaft«?
Funktionierende, wenn auch beschädigte Dorfgemeinschaften (mjesne zajednice) wie in Jelaške zeigen, dass die Bewohner als erprobte Differenzgemeinschaften viele Wege des Zusammenlebens gefunden haben. Von vielen Einwohnern des Mittellaufs wird das Zusammenleben von Muslimen (Bosniaken) und Katholiken (Kroaten) als unproblematisch beschrieben, auch wenn ethnische Differenz theoretisch immer das Potenzial für Spannungen birgt. Alle Dörfer des Ober- und Mittellaufs sind sehr stark von Abwanderung gezeichnet, haben aber ihre multiethnische Struktur bewahrt.
Besonders dort, wo es nicht zu direkter Gewalterfahrung »auf nationaler Grundlage« (na nacionalnoj osnovi) gekommen ist, haben erprobte Differenzgemeinschaften überdauert und sich weiterentwickelt. Eine erprobte Differenzgemeinschaft, wie sie hier verstanden wird, bedeutet nicht, dass die Angehörigen einer ethno-nationalen Gemeinschaft wie der bosniakischen (muslimischen) oder der kroatischen (katholischen) ihre Abgrenzungsmerkmale zu Gunsten einer dritten, gemeinsamen Identitätskonstruktion aufgegeben hätten (die andererseits ebenfalls existiert). Es bedeutet ebensowenig, dass es keine Konflikte oder Spannungen gibt.
Vielmehr basiert eine erprobte Differenzgemeinschaft darauf, dass die beteiligten Comminities unter Beibehaltung ihrer Differenzen und Eigenheiten Wege der Zusammenarbeit und der Nachbarschaftlichkeit (komšiluk) gefunden haben. Auch für den Umgang mit Konflikten gibt es erprobte Strategien, die oft darauf abzielen, Eskalationen zu vermeiden.
Warum spricht man hier oft von der Diaspora?
Das Wort »Dijaspora« steht für die zirka 1,7 bis 2,0 Millionen Menschen aus BiH, die in Ländern wie Deutschland (Hauptwanderziel), Österreich, Schweiz, Schweden, Italien, USA, Kanada und Australien leben. Dazu kommen die vielen Einwohnerinnen und Einwohner Kroatiens und Serbiens, die ursprünglich aus BiH kommen.
Wer die Krivaja in den Sommerwochen des Juli und August oder auch rund um religiöse Hochfeste oder den Jahreswechsel besucht, findet in einigen Dörfern eine völlig veränderte soziale Zusammensetzung vor als außerhalb dieser Zeiträume: Es ist die Zeit, in der dank der periodischen Rückkehr der Diaspora und ihrer Kinder auf den Straßen wieder Spaziergänger zu sehen sind, in den Einfahrten viele Autos mit europäischen Kennzeichen parken und von den Terrassen Musik durch das Dorf tönt. Wenige Wochen später kann dasselbe Dorf wieder wie ausgestorben wirken.
Insgesamt betrachtet befindet sich die Bevölkerung des Krivaja-Gebiets stark im Rückgang, was der demographischen Entwicklung ganz BiHs sowie weiterer Staaten Südosteuropas entspricht. Nicht nur eigentliche Kriegsfolgen, sondern auch Deindustrialisierung, Systemwechsel, Kettenmigrationen, »Braindrain«, weitere Trends und sogenannte Push- und Pull-Faktoren haben dazu geführt, dass es nicht nur immer weniger Menschen, sondern auch immer weniger Verdienstmöglichkeiten vor Ort gibt.
Die Diaspora ist in Bosnien ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, der für viele Geldtransfers verantwortlich ist, familiäre Netzwerke stabilisiert oder Gebäude in Stand hält. Mitglieder der Diaspora spielen im mehr-als-menschlichen Gefüge unterschiedliche Rollen: Unter ihnen befinden sich engagierte Umweltschützer, unbeteiligte Betrachter des Geschehens, aber auch Akteure extraktivistischer Projekte.
Über das Forschungsprojekt
Ist die Krivaja unerforschtes Gebiet?
Auch wenn die Krivaja als mehr-als-menschliche Assemblage bisher nicht erforscht und beschrieben wurde, ist das Gebiet an sich natürlich nicht unerforscht. Auf dem Gebiet der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung ist ein 2014 von Aida Ramić und dem damals noch bestehenden, Sarajevoer Institut za Istoriju herausgegebener Sammelband bosnisch-herzegowinischer Historikerinnen und Historiker unter dem Titel »Der Fluss Krivaja im Wandel der Zeit« von herausragendem Wert.
Weil die Kenntnis der Glaubensgemeinschaften des Krivaja-Gebiets unerlässlich ist, sind Forschungsarbeiten über sowie Selbstpublikationen der Glaubensgemeinschaften relevant. Daneben fließt in diese Arbeit auch das Wissen anderer sozialanthropologischer, ethnographischer und historisch-anthropologischer Arbeiten ein – vor allem solcher, die sich mit beschädigten Sozialgeographien befassen.
Auch Lebensgeschichtliche (autobiographische) Arbeiten, die viel Wissen über Alltagsgeschichte, Bräuche oder Zusammenleben enthalten, sind von besonderem Wert. Es gibt außerdem eine große Zahl wissenschaftlicher Publikationen über die Besonderheiten der Geologie, über die Biologie sowie über sozial- und politikwissenschaftliche Entwicklungen, die für dieses Forschungsprojekt ebenfalls von Bedeutung sind. Teils sind diese Forschungsarbeiten auch erst im Entstehen begriffen.
Welche Ziele verfolgt dieses Projekt?
Dieses Forschungsprojekt verfolgt mehrere Ziele.
Erstens sollen lebensgeschichtliches Wissen und Erfahrungen konserviert und verstanden werden, besonders hinsichtlich mehr-als-menschlicher Zusammenhänge. Wie ganz Bosnien-Herzegowina und andere Teile Südosteuropas ist die Krivaja eine beschädigte Sozialgeographie. Als solche ist sie permanent starken, teils sichtbaren, teils schleichenden Desintegrationstendenzen ausgesetzt. Die seit Jahrzehnten anhaltende Abwanderung und oben skizzierten Effekte setzen dem Raum heute nach den Langzeitfolgen des Krieges am stärksten zu. Diese Beschädigungen betreffen die mehr-als-menschliche Umwelt besonders stark, wie die aktuellen Beispiele aggressiven Extraktivismus zeigen.
Durch den Generationenverlust der Älteren, die entweder in der Region zurückgeblieben sind oder ebenfalls in der Diaspora leben, droht, viel Wissen über gesellschaftliche Beziehungen verloren zu gehen. Welche mehr-als-menschlichen Aspekte es in den Beziehungsgeflechten der Vergangenheit gab, gilt es erst noch, zu erforschen. Jüngere Forschungsprojekte aus dem Bereich der Human-Animal-
Studies, etwa über das Verhältnis zwischen Eseln und Menschen, gehen in eine ähnliche Richtung. An der Krivaja ist vor allem das Verhältnis zwischen Menschen, Wäldern und Gewässern von Interesse.
Zweitens findet die Forschung in einer Zeit statt, die Anthropozän, Kapitalozän, Plantagozän oder gar Chthuluzän genannt wird. All diese Bezeichnungen deuten auf den zentralen Faktor der menschengemachten (anthropogenen) Klimaveränderung hin. Bereits jetzt wirken sich Klimawandelfolgen stark auf menschliche Gefüge aus, die (nicht nur) deshalb immer als mehr-als-menschliche Gefüge oder Assemblagen verstanden werden sollten.
Anthropogene Klimawandelfolgen werden sich empirisch gesicherten Trends zufolge stark auf das wirtschaftliche, politische und soziale Gefüge aller Menschen überall auf der Erde auswirken. Betroffen sein werden nicht nur Menschen, sondern auch das Wald- und Fluss-Biom, alle weiteren nicht-menschlichen Spezies, die Geologie und die klimatischen Besonderheiten.
Warum erfordert die Erforschung einer mehr-als-menschlichen Assemblage interdisziplinären Austausch?
Ein landschaftsbasiertes, mehr-als-menschliches Gefüge ist komplex. Einerseits ist es ein geografischer Ausschnitt, wie im vorliegenden Fall das Krivaja-Gebiet. Andererseits reichen die meisten Gefüge oder Assemblagen weit über diese lokalen Grenzen hinaus – zum Beispiel in die EU, bis nach Nordamerika, oder sogar bis nach Australien. Die Krivaja als ein landschaftsbasiertes, mehr-als-menschliches Gefüge zu erforschen und zu verstehen, ist aus weiteren Gründen herausfordernd:
- Erstens bedeutet es, sich von einer etablierten Herangehensweise der Weltwahrnehmung zu trennen, die eine strenge Unterscheidung zwischen »Natur« und »Kultur« vornimmt: der Fluss, die Tiere, die Ressourcen, die Pflanzen – sie alle spielen eine Rolle;
- Zweitens erfordert der Ansatz Offenheit für andere Wissenschaftsdisziplinen und die Kooperation mit Wissenschaftler:innen.
Diese Offenheit gilt es, als Kernaufgabe zu begreifen – und nicht nur als zierendes Beiwerk. Nicht jeder Faktor des Kontexts ist von einer einzigen, sozial- und geisteswissenschaftlich ausgebildeten Person adäquat erforschbar; trotzdem muss z.B. ein Historiker, der sich mit einem mehr-als-menschlichen Gefüge beschäftigt, Kenntnisse aus Biologie, Geologie und anderen Diziplinen einbeziehen. Folgende Fragestellungen sollen das illustrieren:
- Auf welche Ursachen geht ein verheerendes Mittelmeertief zurück? Wie funktioniert es und wie wirken sich die Folgen auf das Politische vor Ort aus?
- Warum sehen die Wälder der Kriavaja aus wie ein funktionierender und dichter Dauerwald, obwohl sie seit dem 19. Jahrhundert stark bewirtschaftet werden?
- Was sind die geologischen Besonderheiten des Ophiolit-Aufschlusses im Konjuh-Krivaja Massivs, und in welchem Zusammenhang stehen diese Gegebenheiten mit dem steigenden Druck durch Extraktivismus, mit geopolitischen Verwerfungen zwischen der Europäischen Union und anderen Regionen?
- Wodurch wird die Komplexität des Bioms der Flussgebietsgemeinschaft erhalten? Wodurch wird sie gefährdet, und wie positionieren sich die menschlichen Bewohner zu den mehr-als-menschlichen Aspekten?
Diese Beispielliste ist noch erweiterbar. Sie zeigt, dass Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen unabdingbar ist.
Welche Beispiele im Krivaja-Gebiet machen einen mehr-als-menschlichen Ansatz relevant?
Die Relevanz für ein mehr-als-menschliches Forschungsdesign auch an der Krivaja könnte nicht eindeutiger sein. Folgende Beispiele aus der jüngsten Geschichte der Krivaja-Region illustrieren und unterstützen diese Forschungsperspektive:
- Der Mittelmeerzyklons Yvette (Tamara) und der Flutkatastrophe 2014, wovon die Krivaja und umliegenden Städte stark betroffen waren;
- Die Erfahrung der abgewandten Gefahr des Baus von acht Miniwasserkraftwerken und Aufstauung des Flusses zwischen 2009-2012;
- Die Flussverschmutzung der Bioštica durch das Bleibergwerk bei Olovo 2023 und 2024, das in der Folge schließen musste;
- Die Schließung der holzverarbeitenden Fabrik Krivaja in Zavidovići im Dezember 2015, was einer sozialen Katastrophe gleichkam.
Diese und weitere Zusammenhänge sollen als Teil der Alltagserfahrung der Menschen zuerst verstanden werden. Das Projekt fragt, wie historische und aktuelle Erfahrungen das mehr-als-menschliche Leben in der Krivaja als Assemblage beeinflussen und gestalten. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Frage, ob und wie sich in der beschädigten Sozialgeografie Bosniens das Politische (le politique) durch diese Faktoren umgestaltet.
Woher kommt der Begriff »mehr-als-menschlich«?
Das Attribut mehr-als-menschlich wurde bereits 1996 vom US-amerikanischen Umweltphilosophen David Abram verwendet. Weitere direkte oder indirekte Vertreter:innen, die sich auf den Begriff beziehen, sind die Umweltfeministin Donna Haraway, die Evolutionsbiologin Lynn Margulis, der Erdsystemforscher James E. Lovelock, der Soziologe und Philosoph Bruno Latour und andere.
Die Gemeinsamkeit dieser und anderer Gesites- und Naturwissenschaftler:innen besteht darin, zusammen zu denken, was ohnehin zusammengehört: Lynn Margulis etwa stützt sich auf die grundlegende Konstante allen Lebens auf der Erde seit Anbeginn der Evolution, dass so unterschiedliche Arten wie Bakterien und Menschen bis in ihre Zellkerne hinein miteinander verwandt sind. Zusammen mit ihrem britischen Kollegen James E. Lovelock gilt sie als Mitbegründerin der naturwissenschaftlich begründeten (nicht-esoterischen) Gaia-Hypothese.
Die Gaia-Hypothese hat zur Kernaussage, dass das gesamte Biom der Erde (einschließlich ihrer Atmosphäre) ein stets nach Balance strebendes Gesamtlebewesen ist. Bricht man diese universelle These auf ein kleineres, landschaftsbasiertes Gefüge herunter, dann bedeutet es nichts anderes, als das Zusammenspiel aller Arten im Gefüge zumindest einzubeziehen.
Welche anderen Forschungsbeispiele für mehr-als-menschliche Assemblagen gibt es?
Ein sehr bekanntes Beispiel einer mehr-als-menschlichen Assemblage wurde von Anna Lowenhaupt Tsing erforscht. Wie die US-amerikanische Anthropologin in ihrer Forschung über eine mehrere Kontinente und Spezies überspannende Assemblage gezeigt hat, bestehen deutliche Zusammenhänge zwischen einer beschädigten Gesellschaft, beschädigten Wäldern und den Lebensumständen von Menschen in diesen Gebieten.
Die von Lowenhaupt Tsing beschriebene Assemblage entfaltet sich rund um den Pilz Matsutake. Sie geht seiner Rolle in der Erfindung kapitalistischer Produktionsketten, in multilateralen Handelsbeziehungen und geopolitischen Auswirkungen nach, um es sehr grob zusammenzufassen. Die Autorin beschreibt in ihrer Arbeit nicht allein, wie sich Beschädigungen wie Prekarität und Umweltzerstörungen und -Veränderungen auf Gesellschaften auswirken; sie zeigt auch, wie unterschiedliche Spezies, von Matsutake-Pilzen bis hin zu geflohenen Menschen aus Südostasien in Nordamerika das weitere Gefüge einer beschädigten Umwelt und beschädigter Wälder gestalten und angepasste Strategien des Lebens hervorbringen.
Lowenhaupt Tsing kontextualisiert beispielsweise, wie vulnerable Gesellschaftsorganisationen im damaligen Indonesien in einem engen Zusammenhang mit den Veränderungen der Wälder im tausende Kilometer entfernten Japan zusammenhängen. Sie folgt darüber hinaus den globalen Auswirkungen, indem ihre schweifenden Untersuchungen zurückverfolgen lassen, wie sich das Prinzip des Lieferketten-Kapitalismus in den USA ursprünglich in Japan und vor dem japanisch-indonesischen Kontext herausgebildet hatte und erst dann in den USA und weltweit etablierte.
Den Ansatz der landschaftsbasierten Assemblage verfolgen neben Tsing zahlreiche weitere Wissenschaftler:innen. Im Fall der Krivaja erscheint es unausweichlich, sich auf eine durchaus ähnliche Weise den Verwobenheiten einer Assemblage zu stellen, die weit über das Krivaja-Gebiet hinausreicht. Schon auf Grundlage der Vorrecherchen ist klar, dass postjugoslawische Diasporen in Europa und Übersee ebenso eine Rolle spielen wie geopolitische Veränderungen des Energiesektors, der anthropogene Klimawandel und seine Folgen, Investoren aus Staaten wie Australien, Großbritannien, Deutschland, Kanada und anderen sowie Bodenschätze, der Rohstoff Holz, das Wasser sowie unzählige Lebewesen und weitere Substanzen.
Über die Umsetzung
Wer finanziert das Projekt?
Dieses Projekt erhält momentan gar keine Finanzierung und entsteht auf Grundlage freiwilligen und unentgeltlichen Einsatzes. Es ist aber geplant, finanzielle Unterstützung und/oder Projektpartner für dieses Projekt einzuwerden. Für interessierte Gastautoren gibt es momentan keine Möglichkeit, Beiträge durch Honorare oder andere finanzielle Mittel zu entlohnen.
Welche Herangehensweise verfolgt dieses Projekt?
Dieses Forschungsprojekt baut auf den unter Ist die Krivaja unerforschtes Gebiet? beschriebenen Arbeiten sowie vielen noch zu sichtenden Arbeiten auf. Es ergänzt diese, indem es eine Lücke schließt: Hier wird über die Fokuseinstellungen Geographie, Geschichte, Gesellschaft und Interspecies (d.h. mehr-als-menschliche Aspekte) Wissen gesammelt, das als landschaftsbezogenes Gefüge einer beschädigten Geographie bezeichnet wird. Es ist das Unterfangen, einen Zusammenhang zu erfassen, den es immer schon gab: eine mehr-als-menschliche Assemblage, in der nicht der Mensch allein betrachtet werden kann.
Allein angesichts der immensen Bedeutung der Holzressourcen der Wälder, der Bodenschätze und des Wassers des Krivaja-Gebiets erscheint dies selbstevident. So wird an einer möglichst facettenreichen Sammlung über das Krivaja-Gebiet gearbeitet, die ab einem erschöpfenden Sättigungsgrad als bebildertes Buch erscheinen soll. Die Sammlung (audio-)visueller Daten und Texte soll auch während des Forschungsprozesses (sowie danach) als Science Blog zugänglich sein (genauer unter Open Science Ethik).
Welche Methoden werden verwendet?
Um eine landschaftsbasierte, mehr-als-menschliche Assemblage (oder Gefüge) in beschädigten Landschaften und Sozialräumen zu beschreiben, ist der Ansatz der Mehr-Methoden-Forschung (Multi Method Research) notwendig. Diesen Ansatz, der kein festes Set von Methoden vorschreibt, wurde früh von Norbert Elias verwendet, der damit Figurationen und menschliche Prozesse erfasst hat. Elias hat qualitative und quantitative Daten kombiniert.
Teilnehmende Beobachtung | Native anthropology
Teilnehmende Beobachtung, mehr oder weniger lange Anwesenheit im Feld, das Führen eines Feldtagebuchs, qualitative (lebensgeschichtliche oder themenspezifische) Interviews sind dabei grundlegende Methoden. Dabei wird die Forschung durch die Effekte der native anthropology erleichtert, weil das Aufwachsen und die Sozialisierung in einer bosnisch-deutschen Familie (wie im Fall des Projektleiters) oder in Bosnien (wie im Fall der Projektpartner in spe) für vereinfachte Zugäng zum Feld sorgt.
Unbegleitete und begleitete Sozialraumbegehung
Begleitete und unbegleitete, kurze und ausgiebige Sozialraum- und Naturraumbegehungen sind eine weitere Methode. Vor allem für die Anfertigung von Sozialraumanalysen in urbanen Sozialräumen wird diese Methode verwendet, die ursprünglich aus der Sozialen Arbeit kommt. Weil auch die landschaftsbasierte Assemblage der Krivaja einen (wenn auch ruralen) Sozialraum darstellt, der „gekannt werden“ muss, eignet sich diese Methode auch für dieses Projekt. Bei meinen Vorerkundungen führten mich beispielsweise Mitglieder des GSS (Bergrettungsdienst in Bosnien und Herzegowina) durch das Tajan-Gebirge, wo ich Erfahrungen sammeln konnte, die ohne versierte Führer unmöglich oder zumindest schwer zugänglich gewesen wären.
Fotografie, Videoaufnahmen, Privat- und Lokalarchive
Landschaftsbasiertheit und Landschaft werden in dieser Forschungsweise nicht auf die geographische Landschaft allein reduziert, sondern um Aspekte der Humangeographie erweitert, die materiell, immateriell und symbolischer Substanz sind. Deswegen spielen neben den Feldnotizen auch Fotografie und Videoaufnahmen eine zentrale methodologische Rolle. Daneben wird auch die Presse und Berichterstattung beobachtet, lokale Archive, Ego-Archive, Privatsammlungen, historische Fotografien und Postkarten, Briefe, autobiographische Arbeiten, Sekundärliteratur und andere Materialien einbezogen.
Welche Rolle spielt Open Science in diesem Projekt?
Open Science bedeutet neben dem Bekenntnis zu Open Access und Open Code, während der Forschung transparent zu bleiben und Wissen nicht gezielt und zum eigenen Nutzen zu verknappen. Schon vor der Entstehung einer wissenschaftlichen Monographie können einzelne Wissensportionen geteilt werden. Aus diesem Grund werden auf der Projektwebsite unter den Kategorien »Geographie«, »Geschichte«, »Gesellschaft« und »Interspecies« Feldnotizen als Blogposts veröffentlicht. Diese können im Laufe des Forschungsprozesses als Serie bzw. Thread erweitert werden.
Open Science bedeutet auch, offen für die Beiträge anderer zu sein. Wer daran interessiert ist, mit eigenen Texten, Fotografien oder anderen Materialien beizutragen, ist nach Absprache und Übereinkunft mit dem Projektleiter dazu eingeladen, Beiträge einzureichen. Diese sollten zu einem der vier Forschungsfelder mit Bezug zur Krivaja passen. Auch Übersetzungen ereits veröffentlichter Arbeiten, Wiederveröffentlichungen, theoretische Aufsätze oder Rezensionen sind willkommen, solange sie Bezüge zu den Forschungsfeldern herstellen können.
Autorenrechte anderer werden dabei selbstverständlich respektiert. Gastautor:innen veröffentlichen ausschließlich unter ihren Klarnamen und behalten alle Rechte im Sinn der CC BY-NC-SA (Attribution-NonCommercial-ShareAlike) Lizenz. Autor:innen wählen selbst die Sprache ihrer Beiträge (Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch/Serbisch, Deutsch, Englisch) und sind selbst dazu angehalten, Übersetzungen anzufertigen, falls gewünscht. Alle Veröffentlichungen durch Gastautor:innen werden vom Projektleiter vorher geprüft. Nicht-wissenschaftliche und wissenschaftliche, textuelle, grafische und multimediale Formate sind möglich oder denkbar.
Genauer unter Open Science Ethik
Welche Projektdauer ist vorgesehen?
| 1-12 / 2026: | Vorrecherche, Feldarbeit, kontinuierlicher Aufbau der Forschungswebsite |
| ab 8 / 2026: | Veröffentlichung von Blogposts zur Gewinnung zusätzlicher Autorinnen und Autoren, Informantinnen und Informanten. |
| 1-12 / 2027: | Feldstudien mit Großteil der Erhebungen lebensgeschichtlicher Interviews, teilnehmender Beobachtung. |
| 1-12 / 2028: | Arbeit an der Monographie und Veröffentlichung. |
| Danach | Kontinuierliches Science Blogging |